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Brief an meinen Sohn

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  Ich schreibe diesen Brief, um mich bei dir zu entschuldigen. Du kamst auf diese Welt und ich hoffte, dass du es einmal besser haben würdest. Du solltest frei aufwachsen können und ich erzog dich dazu, dass du ohne Angst vor möglichen Repressalien deine Meinung frei äußern kannst. Ja, ich forderte dich stets regelrecht dazu auf, deinen Blick zu schärfen, um auch einmal bestimmte Dinge weit über den Tellerrand hinaus zu beleuchten. „Lerne, bilde dich fort und erweitere deinen Horizont“, hieß mein Credo für dich. „Glaube nicht immer, was du siehst. Manchmal könntest du auch auf eine Illusion hereinfallen.“ Mein Sohn, wir waren nicht sehr vermögend und hin und wieder bemerkte ich schon deine neidvollen Blicke, wenn andere Kinder Dinge hatten, für die bei uns kein Geld zur Verfügung stand.

Kopfkino

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      Der Feind in meinem Kopf   Es geschieht so schnell, dass mein Bewusstsein den plötzlichen Angriff nicht bemerkt. Vollkommen lautlos schleicht er sich an, hält sich gut getarnt und springt blitzschnell aus seiner Deckung hervor, um anzugreifen. Wie aus dem Nichts heraus taucht er auf und stößt unerbittlich zu. Er kennt keine Gnade. Ihm ist der Zeitpunkt seines Angriffs völlig egal. Er weidet sich an meinem Leid und suhlt sich in meiner Angst. So schnell, wie er sich gezeigt hat, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Von Angriff zu Angriff wird er stärker und dreister. Mal greift er mich nachts an, mitten in meinem wohlverdienten Schlaf. Ein anderes Mal erscheint er mir wenige Minuten nach dem Aufstehen. Es kann auch geschehen, dass er während meiner Arbeit auftaucht oder wenn ich mich mit einem Buch und einer Tasse Kaffee in einer Decke eingemummelt auf der Couch verkrieche, um zu lesen und zu entspannen.

Geplatze Familienzusammenführung

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  Ein Schreck, ein Wok und ein bühnenreifer Abgang Luise befand sich im Badezimmer, als sie ihren Sohn Merlin im Hauseingang rufen hörte. „Mama, bist du da?“ „Natürlich bin ich zu Hause. Wo soll ich denn um diese Uhrzeit sein?“, dachte sie bei sich, während ihr Blick auf die kleine Uhr im Regal des Spiegelschrankes fiel. Es war 22.45 Uhr und wenn ihr Sohn sie um diese Uhrzeit aufsuchte, dann war bestimmt irgendetwas im Busch. Normalerweise meldete er sich bei ihr sehr unregelmäßig. Er war seit zwei Jahren ausgezogen und lebte in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Sein Besuch konnte demnach lediglich bedeuten, dass er entweder knapp bei Kasse war oder er hatte ein dringliches Problem mit seiner großen Liebe Nadia.

Lyrisches über Tag und Nacht

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  Tag und Nacht   Der Tag neigt sich dem Ende           stirbt leise einen schnellen Tod.       Er reicht der Nacht flugs seine Hände,        um mit ihr EINS zu sein im Abendrot.

Freundschaft

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Amicitia 227,760 Stunden gemeinsame Wellenlänge. In Minuten gerechnet bedeutet das: 13.665,600 Minuten Verbundenheit. In Jahren ausgedrückt: 26 Jahre gemeinsame verbrachte Zeit. 9.490 Tage, in denen wir in Resonanz miteinander waren. Seit 12 Monaten ist die Verbindung zwischen uns abgebrochen. Ein Störsender funkt auf seine eigene individuelle Art und Weise Störsignale, sodass die beiden Sender und Empfänger nur noch das beharrliche Rauschen und Knarren im Äther wahrnehmen.

Scherben und Glück

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    Bringen Scherben wirklich Glück? Diese Frage habe ich mir, seit ich denken kann, jedes Mal dann gestellt, wenn durch die Magie meiner Hände etwas zerbrochen ist und in tausend und abertausend Teile zersprungen war. Zumeist war die erste Reaktion meines Umfelds auf den produzierten Scherbenhaufen nicht gerade von Glück erfüllt. Im Gegenteil. Ich erntete in aller Regel tadelnde Worte oder auch Blicke. Außerdem stand ich urplötzlich im Mittelpunkt und um mich herum wurde es fast schon unerträglich still. Sämtliche Anwesenden hielten für den Bruchteil einer Sekunde den Atem an und hatten ihre Augen schreckensweit geöffnet. Manche stießen auch einen kleinen Angstschrei aus. Andere waren spontan verstummt. Es schien, als würde die Zeit für einige Nanosekunden still stehen. Als gäbe es keinen nächsten Moment.

Anhalten

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Anhalten Wenn alles um mich herum lärmt, tobt und schreit, wenn trotz aller Eile die Zeit nicht reicht, wenn jeder an mir zerrt und zieht, wenn niemand meine Ängste sieht, wenn meine Gedanken fahren Achterbahn, dann halte ich mich selbst mal an.